Samstag, 29. Mai 2010

Eine besondere Einladung

Müde und matt schleppe ich mich zum Schloss. Von den Kämpfen der letzten Zeit bin ich völlig ausgelaugt. Es scheint kaum noch Leben in mir zu sein. Die Leichtigkeit ist mir verloren gegangen. Ich klopfe an, aber niemand öffnet mir. Nun trete ich in die große und schöne Eingangshalle. Ohne den König oder seinen Sohn erscheint sie zwar prächtig, aber die Wärme fehlt. Wo sie nur sein mögen? Ich schleiche durch die Gänge, Schritt für Schritt. Das Gehen fällt mir schwer. Irgendwo müssen sie doch sein. Vielleicht im Thronsaal? Aber auch hier: Leere. Zaghaft rufe ich: König? Königssohn? Vater? Jesus? Wo seid ihr denn? Ich bin so ausgelaugt, so müde und bräuchte eure Liebe und Nähe jetzt ganz besonders. Ob sie beschlossen haben, dass ich diesmal alleine damit fertig werden soll?
Traurig und frustriert lasse ich mich am großen Esstisch nieder und starre vor mich hin. Plötzlich spüre ich die Gegenwart und, noch bevor ich mich umdrehen kann, legt sich mir sanft eine Hand auf die Schulter: Der Königssohn ist hier. Er sagt nichts, ist einfach nur da. Die Tränen kullern mir über das Gesicht. Am Tischende erscheint der König, mein himmlischer Vater. „Mein Kind“, sagt er liebevoll, „willkommen am Tisch meiner Gnade. Bleib einfach hier sitzen und lass dich von mir und dem Sohn bedienen und beschenken.“
Mir kommt das Lied in den Sinn: „Kommt an den Tisch seiner Gnade, bereitet mit Brot und mit Wein. Ihr, die ihr hungert und dürstet, lasst euch auf sein Angebot ein. Folge der Einladung Jesu …“ Ja, auf diese Einladung will ich mich einlassen, hier und jetzt.
Sie setzen sich mit mir an den Tisch und reden freundlich und voller Liebe mit mir. „Erinnerst du dich“, beginnt der Vater, „ich bin dein Hirte. Ich führe und leite dich. Du brauchst dich nicht darum zu sorgen, wie es weitergeht. Ich kenne den Weg. Du darfst mir vertrauen.“
Jesus redet weiter: „Vertrauen ist die einzige Leistung, die ich von dir verlange. Lass dich fallen in meine Arme. Ich bin dein Freund und werde es für immer bleiben. Mit mir hast du alles, was du brauchst – wirklich.“
„In grünen Tälern lasse ich dich ausruhen, zu frischem Wasser führe ich dich.“, höre ich den Vater voller Liebe sagen. „Ausruhen, das ist so wichtig und ein Zuviel gibt es da nicht. Du darfst so lange ausruhen, bis du wieder neue Kraft geschöpft hast.“ Er reicht mir einen Becher mit klarem Wasser. So klares Wasser habe ich noch nie gesehen. „Hier, mein Kind, trink davon. Gieß das trüb gewordene Wasser, mit dem du dich zu erfrischen versuchst, weg. Trink hiervon und entdecke den Unterschied.“
Ich trinke. Staune. So rein, so klar, so erfrischend. Danke, Vater. Verzeih, dass ich mal wieder die Quelle vergessen habe.
Der Königssohn hält einen Hirtenstab in der Hand: „Weißt du, was dieser Stab bedeutet?“ Ich schüttle den Kopf. „Du merkst ja, dass es im Moment nicht unbedingt ein Spaziergang ist, mit mir zu gehen. Manchmal bekommst du ganz schön Gegenwind. Steine liegen im Weg und du stolperst darüber, weil du sie nicht rechtzeitig erkannt hast. Aber dieser Stab, mein Hirtenstab, soll dich daran erinnern, dass du nicht alleine gehst. Das, was du nicht siehst, kann ich klar erkennen. So wie der Schafhirte seine Schafe mit dem Hirtenstab dirigieren kann, so kann ich dir auch im Dunkeln den Weg zeigen. Willst du versuchen, mir auch dann zu vertrauen, wenn du den Weg nicht erkennen kannst?“
Zaghaft nicke ich.
„Nicht nur Wegweiser will ich dir sein, sondern auch Trost, wenn du – wie jetzt traurig und mutlos bist.“, ergänzt der Vater und hält meine Hand.
Nun stehen beide auf, gehen kurz in den angrenzenden Raum. Ich höre Geklapper und leises Getuschel. Dann kommen sie wieder und haben ein Tablett mit köstliche duftenden Dingen in den Händen: Frisches Obst, duftendes Brot, aromatischen Wein und vieles mehr. Ich will schon aufspringen und mit anpacken, aber Jesus wehrt ab: „Selbst der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um anderen zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele Menschen hinzugeben.“ - Das muss ich wohl noch lernen, mir von dem König der Könige dienen zu lassen … Liebevoll wird alles auf dem Tisch hergerichtet. Dann setzen sich Vater und Sohn wieder an den Tisch und der Vater sagt: „Köstlich, nicht wahr? Greif zu!“ Gemeinsam genießen wir die Mahlzeit und es tut gut, mit meinem König und Herrn diese Tischgemeinschaft zu haben. Immer wieder mal schaut der Sohn, dann wieder der Vater auf. Sie strahlen mich an. Es scheint ihnen tatsächlich Freude zu machen, mit mir hier zu sitzen und zu essen.
Nun bin ich wirklich satt, gestärkt und rundum zufrieden.
„Hast du noch einen Moment Zeit, mein Kind?“, fragt der König liebevoll. Welche Frage!
Erneut steht er auf und kommt mit einem Gefäß zu mir. „Ich möchte dich salben mit diesem kostbaren Öl. Der Hirte behandelt die Schafe mit Öl, damit Ungeziefer, Milben und andere Schädlinge, an ihrem Kopf keinen Halt finden. So ähnlich soll es bei dir sein: All das Negative, was täglich auf dich einströmt, all die „feurigen Pfeile des Bösen“ sollen an dir abprallen. Darf ich dich mit diesem Öl salben?“
„Ja, mein Vater.“ Das tut gut! Und es lässt mich wieder neu spüren: Nicht meine Kraft ist es, mit der ich durch dieses Leben gehen soll, sondern Vater und Sohn rüsten mich aus. Ich fühle, wie ich von Segen überschüttet werde, und nehme mir vor, diese Einladung ab jetzt häufiger anzunehmen: das Sitzen am Tisch seiner Gnade. Wie gut, dass ich wirklich jederzeit kommen darf.
Danke Jesus, danke Vater.
Neu gestärkt verlasse ich das Schloss und gehe hinaus in den Alltag in der Gewissheit: Er ist bei mir. Er rüstet mich aus. Er weiß und er sieht, was mir Mühe macht. Und er empfängt mich jederzeit mit offenen Armen.

Dienstag, 25. Mai 2010

Grenzegang

Grenzen geben Schutz und Sicherheit. Grenzen können undurchdringlich sein. Grenzen können erschrecken. Grenzen können trennen.
Grenzen?
Heute habe ich etwas ganz anderes entdeckt: Grenzen muss ich anderen gegenüber stecken, damit ich nicht von anderen gelebt werde. Ich allein sollte bestimmen können, wem ich erlaube, meinen „Innenraum“ zu betreten und bei wem ich mich abschirmen, schützen möchte. Heute habe ich es gewagt, einer Frau, die mich mit ihrer psychischen Krankheit mit ständigen Anrufen stark emotional belastet hat, mitzuteilen, dass ich es nicht schaffe, mich um ihre Probleme zu kümmern. Das hört sich sehr hart und egoistisch an, aber es musste in dieser Deutlichkeit gesagt werden. Ihre Anrufe wurden immer häufiger und länger, mir ging es hinterher sehr schlecht, weil ich ihr nicht helfen konnte und es absolut nicht meine Gabe ist, Seelsorger und Therapeut zu sein. Und heute habe ich – nach langem Kampf gestern und einigen Gesprächen heute – tatsächlich begonnen, eine Grenze zu ziehen.
Beim Nachdenken über diese Grenzen fiel mir auf, dass ich das auch für andere Bereiche im Leben lernen sollte: Grenzen zu ziehen. Z.B. bei den Kindern. Oft ist es so, wenn sie mich anrufen, ob ich sie irgendwo abholen kann, dass ich dann mit leichtem Murren losfahre. Ich will das nicht und es ist eigentlich auch nicht einzusehen, aber wegen ihrem Gejammer mache ich es dann doch. Im Grunde mache ich mir damit Stress, denn es reißt mich jedes Mal aus meiner Arbeit raus. Ich könnte nun sagen: Nein, ich hole euch grundsätzlich nicht ab und es gibt dafür nur wenige Ausnahmen. Vielleicht würde ich mich schlecht fühlen, wahrscheinlich würde ich heftigen Gegenwind von den Kindern bekommen. Aber sie haben nicht das Recht, über meinen Tagesablauf zu bestimmen. Ich muss für mich festlegen, inwieweit andere mich beeinflussen dürfen. Das Schlimme ist oft das schlechte Gewissen. Da spielt mir dann mein Einfühlungsvermögen einen Streich. Oft denke ich dann darüber nach, wie sich der andere wohl jetzt fühlt, vernachlässige darüber aber meine eigenen Empfindungen.
Gesunde Grenzen setzen, das will ich lernen.
Letztendlich hat es mit dem Gebot aus 3. Mose 19,18 zu tun: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Zuerst muss ich also mich selbst lieben, sonst kann ich den anderen gar nicht lieben. Wenn ich anderen Grenzen setze, fühle ich mich wohl in meiner Haut und kann wiederum den anderen Liebe entgegenbringen. Wenn ich hingegen ständig andere mein Leben und meine Reaktionen bestimmen lasse, bleibt nicht viel Liebe übrig.
Ein sehr spannendes Thema!