Donnerstag, 28. März 2013

Auf dem Trockenen


Vor ein paar Tagen am Meer, es war Ebbe. Das sah schon komisch aus: Viele kleine und größere Boote lagen auf dem Trockenen, im Sand. Sie konnten ihrer Bestimmung nicht nachkommen, weil das Wasser fehlte. Waren zum Stillhalten gezwungen. Zum Warten auf die nächste Flut. Wenn das Wasser weggeht, klappt das mit dem Schwimmen noch eine ganze Weile. Zuerst sind es noch größere Wellen, die das Boot hin- und herschaukeln und ihm vorgaukeln, alles wäre in bester Ordnung. Ein paar Stunden später ist es nur noch eine große Pfütze – aber immerhin: Der Kontakt zum Wasser ist noch da. Aber dann lässt es sich irgendwann nicht mehr leugnen: Das Wasser ist fort.



Im Leben als Christ gibt es dieses Auf und Ab ebenfalls. Lange Zeit fahren wir auf dem Meer des Glaubens dahin und freuen uns darüber, genau das tun zu können, wofür wir gemacht sind, je nach unseren Gott gegebenen Begabungen. Wir fühlen uns von Gott getragen, wissen, dass auch mal ein Sturm kommen kann. Aber im Grunde sind wir sicher, dass uns nichts passieren kann, weil Gott Herr über Wind und Wellen ist und uns die Ausrüstung in Form seines Geistes mitgegeben hat.

Aber dann gibt es diese Ebbe-Zeiten. Wir wissen, dass sie von Zeit zu Zeit kommen und sind dann doch überrascht und überrumpelt. Ganz plötzlich sitzen wir auf dem Trockenen, haben das Gefühl, geistlich zu verdursten und fühlen uns handlungsunfähig. Das kann verschiedene Gründe haben: Mal ist es unser persönliches Glaubensleben, das abgeflaut ist, mal ist es eine Veränderung in der Gemeinde, die uns das Wasser entzieht, ein anderes Mal hat uns ein Sturm des Lebens auf eine Sandbank gespült und es scheint nicht mehr weiter zu gehen. In solch einer Situation können wir uns nicht vorstellen, dass das Wasser jemals wieder zurückkommt und das Boot unseres Lebens wieder in Bewegung setzt. Vielleicht steigen wir aus dem Boot aus und marschieren zu Fuß auf dem Watt. Einfach mal aussteigen, denken wir. Weg von all dem, was mir als Einerlei erscheint. Auch das darf und muss vielleicht mal eine Zeit lang sein. Aber das Boot sollten wir nicht aus den Augen verlieren. Die Flut kann uns überraschen und dann sitzen wir auf dem Felsen, der so verlockend erschien, fest.

Früher oder später kommt die Flut wieder. Wie können wir die Zeit auf dem Trockenen sinnvoll nutzen? Die Fischer, die wegen der Flut nicht hinausfahren können, nutzen solche Zeiten, um ihre Netze zu flicken. Was sind „Netze des Glaubens“? Unsere ganz persönliche Beziehung zu Gott als ein wichtiges Netz unseres Lebens könnte durch ständigen Aktionismus, permanenten Einsatz für seine Gemeinde Löcher und Risse bekommen haben. Dadurch würde die Arbeit ganz schön mühsam werden. Zeit also, während der Ebbe, diese Löcher zu reparieren: Mehr Zeit in der Stille verbringen. Die Fußspuren im Sand anschauen und darüber nachdenken, wo Gott uns in anderen Ebbe-Zeiten getragen hat. Die Prioritäten neu sortieren und überlegen, wie viel Belastung die Segel meines Lebensbootes tatsächlich auf Dauer aushalten und wann man sie vielleicht auch mal aus dem Wind drehen muss. Zeit vielleicht auch, mal an Land zu gehen, sich umzuschauen, was es außerhalb des Kirchenmeeres noch gibt, um mal wieder eine Ahnung davon zu bekommen, wie es den Menschen geht, die das getragen Sein durch Gott gar nicht kennen und wo ich ihnen evtl. beim nächsten Sturm Leuchtturm oder Rettungsboot sein kann. Bestimmt fallen jedem, der das liest, noch eigene Beispiele ein.

Das Boot, das während der Ebbe eine unnatürliche Schieflage einnimmt und irgendwie verzweifelt wirkt, richtet sich wieder auf, wenn das Wasser zurückkommt. Offensichtlich mutet Gott uns solche Zeiten in gewissen Abständen zu. Die Gründe dafür können wir nur erahnen. Wir können aber nichts dafür tun, dass die Flut kommt – das ist Gottes Naturgesetz und passiert ganz von selbst. Bereit sein sollten wir, wenn es wieder losgeht auf das Meer, das manchmal ruhig und sonnig ist, ein anderes Mal aber heftig stürmt und tobt.